Eine Garnstudie in Schalform

Es war einmal eine Kiste voller Garne und Garnreste….

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Bislang hatte ich nur mit handgesponnenen Garnen gewebt und das wollte ich auch nicht ändern, als ich Ende letzten Jahres meinen Webrahmen für ein neues Projekt bespannen wollte. Ich hatte Garne in ausreichender Menge für ein Projekt, aber meine Reste und Mini-Garn-Projekte, die ich alle in einer Box aufbewahre, lachten mich viel mehr an. Ich stellte mir die Frage, was wohl passieren würde, wenn ich versuchte all diese wunderbaren interessanten und super unterschiedlichen Garne zusammen zu verweben.
Frei nach Schnauze bespannte ich also meinen Ashford Webrahmen auf der kompletten Breite von 80cm mit den unterschiedlichsten Garnen. Dicke, dünne, wollige, feste, aus verschiedenen Fasern, gefärbt und ungefärbt, aus zwei Fäden verzwirnt oder sogar 3.

Und ich begann zu weben und zu ergründen wie sich die Garne in der Kette verhielten, wie sie sich unterschieden, welche Eigenschaften sich wie auswirken. Für den Schuss habe ich die gleichen Garne genommen und wie es mir gerade gefiel mal schmalere, mal breitere Streifen gewebt.

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An den Wellen, die sich unten im Bild zeigen, kann man schon sehen, dass die Spannung der Kette nie ganz gleichmäßig war. Die Garne hatten zu einem Großteil unterschiedliche elastische Eigenschaften.

Es hat einige Monate gedauert den Schal zu weben, weil ich nicht so viel Zeit hatte. Aber dafür hat es jedes Mal wieder unendlich viel Spaß gemacht mich an den Webrahmen zu setzen. Es war faszinierend den Garnen bei der Arbeit zu zu schauen und vor allem zu sehen wie die verschiedenen Garne miteinander interagierten.

Manche Garne waren viel elastischer als andere, das hat es mir schwer gemacht eine gleichmäßige Spannung zu finden. Weicher gesponnene Garne, vor allem solche aus Merino, Southdown und Polwarth waren elastischer, genauso wie solche die ich navajoverzwirnt hatte.
Ein dreifachverzwirntes Garn aus süddeutscher Merino war dabei das sich praktisch gar nicht spannen ließ, zumindest nicht in Kombination mit den anderen Garne. Auf der anderen Seite des Spektrums hatte ich ein Garn aus Bluefaced-Leicester mit Seide, das ich recht dünn und fest versponnen hatte und das so ziemlich gar keine Elastizität aufwies.
Man kann den Streifen in der Kette auch jetzt noch, nach dem Waschen und Tragen, ganz deutlich in der Kette sehen, weil sich der Schal an der Stelle wellt. Das Garn hat sich nicht zusammen gezogen wie die anderen.

Andere Garne hatten eher die Eigenschaft aneinander zu haften und so musste ich immer wieder an den gleichen Stellen mit den Händen nachhelfen, nachdem ich den Kamm hoch oder runter gestellt hatte. Interessanterweise waren das nicht nur oder nicht unbedingt, die Garne, die ich im langen Auszug oder anderweitig luftig und fusselig gesponnen hatte. Ich meine, dass eher bestimmte Fasern dafür verantwortlich waren. So haben mir zwei Garne ganz besonders viel Mühe bereitet, die beide aus recht rauen Fasern bestanden, die aber eigentlich möglichst glatt und relativ fest versponnen waren (eines aus Merino-Suffolk, eines aus einer unbekannten deutschen Schurwolle). Aber nicht alle gröberen Fasern haben sich so verhalten!

Schon während des Webens wurde deutlich welche Garne sich ein wenig eher auf der Oberfläche zeigen würden, weil sie runder waren, als andere. Zum Teil waren dreifach verzwirnte Garne dabei, aber auch solche, die einfach etwas dicker gesponnen waren.

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Auch die Farben haben interessant miteinander reagiert. Und obwohl ich in der Vorbereitung, also beim Spannen der Kette, versucht habe nicht auf die Farben zu achten, ist das Ergebnis optisch sehr harmonisch geworden, wie ich finde.

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An den Fransen kann man sehr gut erkennen, wie unterschiedlich die Garne mitunter waren.

Vor ein paar Wochen habe ich das gute Stück dann vom Rahmen geholt und nach dem Waschen, war ich schlicht weg begeistert. Nicht nur habe ich eine Menge über meine handgesponnenen Garne gelernt und sie ganz anders wahr genommen, als ich es sonst getan hätte. Heraus gekommen ist auch noch ein sehr interessanter Schal, der sich auf Grund der unterschiedlichen Faser-Zusammensetzungen spannend anfühlt, aber vor allem auch tragbar ist.
Der Schal wird mich mit Sicherheit noch lange begleiten!

Die Fransen habe ich eingeflochten, um noch ein wenig mehr von den Garnen zu zeigen (eigentlich bin ich nicht wirklich ein Fransen-Typ). Nach dem Waschen habe ich eine Breite von 67cm und eine Länge von 157cm ohne die Fransen gemessen (gerade eben lang genug für mich, die ich lieber längere Schals mag).

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Und die Moral von der Geschichte?

Traut euch! Aus handgesponnenen Garnen lassen sich so viele wunderbare Kleidungsstücke und Accessoires herstellen. Nur zwei der insgesamt 9 oder 10 Garne (wenn nicht sogar mehr), die ich in diesem Schal verwebt habe, hatte ich für diesen Zweck gesponnen. Ich habe unterschiedliche Fasern und Techniken verwendet, zum Teil mit ganz anderen Projekten im Sinn, zum Teil auch ohne Ziel. Und daraus ist etwas wunderbares entstanden, das so gar nicht planbar war.

7 Kommentare

  1. Hi Chanti,
    ja , sehr schön. Einmal im Jahr baue ich meinen Webrahmen für 2-4 Projekte auf. Ich muss allerdings sagen, dass das Aufspannen der Kette nicht zu meinen Lieblingsaufgaben gehört. Je nach Wahl des Kammes ist es schon zeitaufwändig die ganzen Kettfäden durch die Schlitze zu ziehen..puhhh. Das Ergebniss ist aber jedesmal spannend. Für die Fransen habe ich mir von Ashford für ein kleines Popöchen Geld einen Fringe Twister gegönnt http://www.wollinchen.de/epages/61105751.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/61105751/Products/%22Ashford%20Fringe%20Twister%22.
    Von dem Zubehör bin ich immer noch sehr angetan, geht aber auch ohne dises Luxusteilchen.
    Gruß
    Steffi

  2. Tina Fritz

    Wunderschön ist der Schal geworden!!!
    Liebend gerne möchte ich da ein Fühltest machen.
    Ganz liebe Grüße
    Tina

  3. Christine Schaum

    Oh wie hübsch, der steht Dir richtig gut.!!!Mit Weben hab ich allerdings keine Erfahrung ( macht aber nix., meine Hobbies sind sowieso schon zu viele-reicht) . Ich kann mir lebhaft vorstellen, wieviel Arbeit da drin steckt- Hut ab und stolz sein!!
    Liebe Grüße Christine

  4. Sowas von genial schön!!! Ich mach auch öfters mal sowas ganz Spontanes und hoffe dabei immer, dass das Endergebnis toll wird – aber so viel Harmonie ist mir noch nie gelungen. Vielleicht bin ich ja noch nicht spontan genug und versuche unbewusst dem Ganzen doch eine bestimmte Richtung zu geben 🙁 . Naja, egal, du machst mir Mut immer wieder aufs Neue meiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

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