Fast am Ziel

Letzten Sommer hatte ich mit einem großen Projekt angefangen. Aus einem Ouessantvlies* sollte ein Pulli werden. Nachdem ich schon sortiert, gewaschen und kardiert hatte, hätte es eigentlich zügig weiter gehen können. Trotzdem ist mein Pulli noch nicht fertig.

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Nachdem die Fasern zum Spinnen bereit lagen, habe ich erst Mal noch andere Spinnprojekte abgeschlossen, ich bemühe mich ja seit einem guten Jahr erfolgreich projektmonogam zu sein.

Langeweile

Zwischen Dezember und Januar hatte ich schon ca. 150-200gr. versponnen, da begann mir das Projekt auf den Keks zu gehen. Ich hatte angefangene Spindeln und Spulen herum liegen und konnte mich nicht recht überwinden weiter zu machen. Ich wollte so gerne schon fertig sein. Lustlust spann ich noch zwei Monate lang hier und da ein paar Meter und lenkte mich mit Serien oder Hörbüchern ab. Irgendwann beschloss ich zu unterbrechen und an einem anderen Projekt zu arbeiten.

Klar, euch immer wieder nur Bilder von hellbrauner oder dunkelbrauner Ouessant-Wolle auf einer Spindel zu zeigen, wird irgendwann langweilig (man könnte den Hintergrund kreativ verändern, aber…). Oder war es mehr die Angst vor meiner eigenen Langeweile?

Manchmal brauchen wir Reize

Manchmal brauchen wir Reize, etwas das uns begeistert, uns heraus fordert. Etwas neues, spannendes. Deshalb fangen viele von uns so häufig neue Projekte an, während noch 10 UFOs in der großen Kiste neben der Couch liegen. Manche begeistern sich sogar regelmäßig für neue Hobbies! Weil der Ehrgeiz, der mit dem Beginn etwas Neuem kommt, unübertroffen bleibt. Andere lesen parallel 5 verschiedene Bücher, um immer wieder einen Spannungskick zu bekommen.

Ich bin davon nicht frei. Absolut nicht. Ich begeistere mich gerne. Ich fange gerne Neues an. Aber eigentlich schließe ich auch gerne ab. Und ich bin unbefriedigt, wenn ich das nicht tun kann. Ich ärgere mich und unterschwellig nagt es an mir, wenn etwas auf mich wartet.

Abgeschrieben

Dann hab ich auch noch einen (für mich) ganz großen Fehler gemacht. Ich hab das Projekt irgendwo in meinem Hinterkopf abgeschrieben. Ganz übel! Denn wenn das Unterbewusstsein wie ein kleines Männchen mit verschränkten Armen hinten in der Ecke sitzt und immer wieder sagt „Das machst du eh nie fertig! Gib´s doch zu!“, dann passiert genau das. Ich mach es nicht fertig.

2015-01-20-OuessantUnd dann kam ein Kurs. Und ich brauchte Singles, um Zwirntechniken zu zeigen. Und die Singles waren da. Also hab ich die Singles mitgenommen und verwendet. Und dann kam noch ein Kurs. Und ich griff noch Mal auf die bereit liegenden Singles zurück. Und sie wurden immer weniger. Und das war ja im Prinzip noch mehr ein Grund das Projekt abzuschreiben.

Ach, geben wir´s doch zu: Wenn wir was finden wollen, um etwas abzuschreiben, finden wir auch was. Das ist so einfach wie einem Baby den Schnuller zu klauen. Das machen wir unterbewusst, ganz automatisch.

„Was mach ich denn jetzt noch daraus? Ich hab ja jetzt eh nicht mehr genug für einen Pullover“ und so….

Die Kunst der Begeisterung

Beizeiten hatte ich dann trotzdem irgendwie einen Strang fertigen Garns aus meiner Ouessantwolle* und der fiel mir in die Hand. Und dann dachte ich „Strick doch mal eine Probe, dann siehst du weiter“. Gesagt getan, ich strickte eine Probe.

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Und während beim Stricktreffen alle quatschten und Garne fühlten und Nadeln verglichen, verliebte ich mich auf einmal. Ich schenkte meinem Garn endlich mal wieder wirklich Aufmerksamkeit. Ich strickte wirklich ganz bewusst Masche für Masche und entdeckte endlich wie gut mir das Garn gefiel, wie weich es war und vor allem wie gut ich mir vorstellen konnte mir daraus eine Tunika oder eine Weste zu stricken. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie gerne ich sie tragen würde. Wie viel Spaß ich am Spinnen und Stricken haben würde, wie ich es genießen würde.

Manchmal vergessen wir einfach wie sehr uns etwas begeistert. Wie viel Freude wir an etwas haben. Aber die gute Nachricht ist: wenn wir aufmerksam sind, hinhören, hinsehen, fühlen, dann können wir unsere Begeisterung auch wieder wecken. Und wenn wir uns das Ziel lebendig vor Augen halten, ist es viel leichter darauf hin zu arbeiten.

Kurz und gut

Nun, spinne ich wieder mit Begeisterung an meinem Ouessant-Projekt und befinde mich auf der Zielgeraden würde ich sagen. Klar, ich hab bestimmt ca. 100gr dran gegeben, weil ich die Singles für die Kurse verwendet habe (schluchz). Aber hey, dann wird der Pulli/die Jacke/das Shirt/die Weste (ich bin noch nicht sicher, was es wird, aber es wird gut) eben was kürzer. Kurz und gut halt.

Ich bin sogar zimlich sicher, dass mir noch mindestens eine Spindel fehlt, auf der noch Singles liegen… Wird schon wieder auftauchen! So bleiben noch ca. 100gr. kardierte Fasern in der dunkleren Farbe (ich hatte hellere und dunklere auseinander sortiert), ca. 150gr. Singles in Knäuelen (ja ich hab wieder aufgeholt), 25gr. auf einer Spindel, ca. 70gr. auf einer Spule am Bliss (nicht auf dem Bild) und die schon verzwirnten ca. 100gr.. Macht gesamt 445gr.

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Wie gesagt, irgendwo muss ich noch was versteckt haben…

Und jetzt werde ich euch noch ein paar Wochen mit immer wiederkehrenden Bildern von Ouessantgarn auf Spindeln foltern – wenn ihr Glück habt, mit wechselndem Hintergrund 😉 

Habt alle einen wundervollen Tag und ganz viel Spaß bei euren Spinnerein
eure Chanti

*Ouessantschafe werden auch bretonische Zwergschafe genannt. Sie sind eine hübsche kleine französische Rasse und bringen bei der Schur nur ca. 1,5 kg Wolle pro Schaf . Ursprünglich waren Ouessantschafe schwarz, heute gibt es sie in vielen Farben von Weiß über Brauntöne bis Schwarz. Die Vliese enthalten meiner Erfahrung nach häufig sowohl raue Fasern (um den Hals herum und an den Beinen), als auch feinere und weichere Fasern, die gut und leicht auseinander sortiert werden können. 

6 Kommentare

  1. Rita Breves

    Ich gucke mir auch gerne immer wieder die Fotos mit der selben Wolle an, wenn du es schaffst den Pulli fertig zu stellen. Ich stelle übrigens auch immer erst ein Projekt fertig und beginne nur nebenbei schon mal die ersten paar Gramn für das nächste zu spinnen.

  2. Hallo Chanti,

    ein richtig schöner Artikel! Ich kann das alles nur zu gut nachempfinden. Ich bin nämlich eine solche, die ständig neue Hobbies entdeckt, weil das Lernen mindestens (!) so viel Spaß macht wie das Können. Genau deshalb ist das Spinnen bestimmt seit Jahren bei mir geblieben, man lernt ja wirklich nie aus. Ich freu mich drüber. Viel Freude und Erfolg auf der Zielgeraden!

    LG, Marie

  3. Also ich gucke mir gerne immer wieder Fotos von demselben Projekt an, liebe Chanti.
    Sein wir mal ehrlich, ich spinne so langsam (brutto, weil ich hauptsächlich stricke und spinnen nur mein „Zweithobby“ ist, und auch netto, weil ich einfach noch recht „neu“ im spinnen bin und noch nicht so viel Routine. Und weil ich kein Rad habe. Nur Handspindeln.) dass ich doch selber auch täglich das gleiche Spinnprojekt angucke. Mehrere Monate lang. Und da rede ich schon gar nicht von Pulloverprojekten, ich rede von 100-Gramm-Batts 😉 Und zwar von fertigen! Wenn ich mir ein Projekt vornähme, wo am Ende ein Pullover stehen soll, und ich mit Rohwolle anfange, würde ich mir mindestens ein Jahr lang das gleiche Projekt anschauen 🙂
    Also mach dir mal kein‘ Kopp, dat passt schon, wir wollen hier sehen, wie es „in echt“ mit deinen Projekten läuft! Also ich jedenfalls. Das Authentische, das ist doch gerade das, was wir Leser an dir mögen. (Und natürlich deine unvergleichlich präzise Art zu erklären, immer auf den Punkt, immer auch für Anfänger verständlich, aber trotzdem so, dass auch fortgeschrittene etwas damit anfangen können. So, offtopic, aber mir egal, das musste mal gesagt werden. Und: Danke!)
    LG

  4. Hey, wer bitte klaut einem Baby unterbewusst und ganz automatisch den Schnuller? Demjenigen würde ich aber was husten! Jawohl!!

  5. Ach, liebe Shanti,
    wie gut ich das (von mir selbst) kenne… Das und vieles andere machen unter anderem einen Menschen aus. Macken, Spleens, Ecken, Kanten, Emotionen – auch wenn man sie selbst nicht mag, sie sind das, was dich zu dem hat werden lassen, was du bist.
    Eben eine sehr sensible, offene, hübsche, kompetente, begeisterungsfähige Frau. Eine Frau mit Herz und Gefühlen, die du mit uns teilst.
    Danke dafür und für deine liebevolle, fröhliche Art, uns deine Welt zu zeigen und uns die Spinnerei näher zu bringen. UND: Danke für deine „Marotten“. Du sprichst zumindest mir mit deinen „ich-kremple-jetzt-mein-Inneres-nach-außen-Posts so oft aus dem Herzen.

    Du siehst uns nicht – aber wir sind da und nicht im Mindesten gelangweilt!

    Liebe, versponnene Grüße aus München

    Moni

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