Geduld ist eine Tugend

Vor ein paar Monaten hatte ich einen Post über Monogamie geschrieben. Könnt ihr euch erinnern? Es ging um Monogamie bei meinen Spinn- und Strickprojekten. Heute geht es um eine andere Art: Projekt-Monogamie – und ich meine keine Strickprojekte…

Seit ich mit YouTube-Videos angefangen habe und in den Jahren, in denen ich die chantimanou handSpinnerey aufgebaut habe, stand ich immer wieder vor dem Problem, dass ich zu viele Ideen auf einmal umsetzen möchte und dann erst Mal gar nichts funktioniert. Mein Buch, ein neues Kurskonzept, eine Veranstaltung, eine größere Videoidee… Wenn es einigen von euch auch so geht wie mir, dann ist dieser Artikel vielleicht interessant für euch.

Wenn ich eines schon immer über mich wusste, dann dass ich ein Projekt-Mensch bin. Ich liebe es zu planen und auszuarbeiten, ich liebe es mich voll in eine Idee rein zu hängen und ich liebe es etwas abzuschließen.
Aber wenn ich in den letzten eines über mich selbst dazu gelernt haben sollte (und das sollte ich eigentlich!), dann dass ich ein Ein-Projekt-Mensch bin! Meine Strick- und Spinnprojekte habe ich dieser Erkenntnis angepasst. Aber wie sieht es mit anderen Arbeitsbereichen aus?

Das Chaos im Kopf beginnt
In der Regel liegt es weder an der Planung, noch an der Motivation Ideen umzusetzen.
Wenn ich versuche über einen längeren Zeitraum an zu vielen Projekten gleichzeitig zu arbeiten, passieren in der Regel zwei Dinge:

1. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll.
Ich sitze vor meiner ToDo-Liste und würde am liebsten alles auf einmal machen. Ich finde alles toll und stecke voller Energie, aber ich weiß einfach nicht wo ich anfangen soll, weil es zu viel gibt, was ich tun könnte. Folglich mache ich von allem ein bisschen oder sogar gar nichts, weil ich zu lange brauche, um mich zu entscheiden.

2. Ich fühle mich unbefriedigt.
An einem Tag arbeite ich an dem einen Projekt, am nächsten Tag am anderen und am dritten Tag wieder an einem anderen. Erstens komme falle ich ständig aus dem Arbeitsfluss und muss mich wieder neu einarbeiten und zweitens habe ich (natürlich) das Gefühl ewig an einem Projekt zu arbeiten. Das ist frustrierend.

Ein System muss her
Obwohl ich mir dessen bewusst bin, bin ich über die Jahre doch immer wieder dem gleichen Schema verfallen. Ich habe mich aber auch nie bewusst dazu entschieden grundsätzlich und immer nur an einem Projekt gleichzeitig zu arbeiten.

Nun habe ich vier Regeln aufgestellt, die mir helfen sollen erfolgreicher an meinen vielen Baustellen zu arbeiten:

1. Geduld ist eine Tugend
Wenn ich eine neue Idee habe, möchte ich oft so schnell wie möglich Ergebnisse sehen. Habe ich also Ideen/Einfälle/Gedanken, während ich gerade an einem Projekt arbeite und sie gehören nicht zu diesem Projekt, werden diese in Zukunft aufgeschrieben und gesammelt. Auch wenn es sich um Ideen für andere schon geplante Projekte handelt. Ich schreibe alles auf in der zuversichtlichen Gewissheit, dass der Tag kommen wird…
(Ich benutze übrigens Evernote als Gehirn-Verlängerung und kann es jedem nur wärmstens ans Herz legen)

2. Entscheidungen treffen
Wenn ich nur an einem Projekt gleichzeitig arbeiten möchte, bedeutet das auch, dass ich die Entscheidung treffen muss, welches Projekt das zum jeweiligen Zeitpunkt ist. Und vor allem muss ich meine eigene Entscheidung akzeptieren. Wenn ich am nächsten Tag denke „Was soll das denn, Chanti? Das find ich aber doof, ich mach das jetzt anders.“, dann bringt die ganze Sache nichts.

3. Es gibt für alles eine Schublade
Das gilt nicht für Menschen, zum Glück aber sehr wohl für vieles andere. So wie ich meine Handarbeiten in zwei Kategorien (Stricken und Spinnen) einteile, so kann man es auch mit Projekten tun. Es gibt durchaus unterschiedliche Arten von Projekten, die parallel laufen können.
Es kann sinnvoll sein Projekte in 2-3 Kategorien (Schubladen) einzuteilen und somit gleichzeitig an Projekten unterschiedlicher Kategorien zu arbeiten. Wenn eine Schublade voll ist, ist sie voll. Man muss warten, bis sie wieder leer ist. Vorsicht! An der Stelle darf nicht getrickst werden. Wer jetzt einfach alles in unzählige unterschiedliche Kategorien packt und sich ins Fäustchen lacht, betrügt sich selber und steht vor allem ganz schnell wieder am Anfang.

Zum guten Schluss das Wichtigste:

4. Eines nach dem anderen
Alle drei vorherigen Regeln (das ganze System, wenn man so will) basieren auf dieser Regel, die besagt, dass immer nur an einem Projekt gleichzeitig gearbeitet wird.
Jedes Projekt aus einer Kategorie wird geplant, durchgeführt und abgeschlossen, bevor am nächsten Projekt gearbeitet wird. Diese Regel ist unumstößlich!

Klingt eigentlich ganz einfach, oder? Das Schwierigste ist, wie bei allen derartigen Systemen, dass es nur funktioniert, wenn man sich daran hält. Ich glaube, wenn man sich wie ich so leicht ablenken lässt und so schnell überreizt ist, ist es auf jeden Fall einen Versuch wert. Daher würde ich mich sehr freuen, wenn einige von euch vielleicht etwas davon für sich mitnehmen und anwenden können.

Welches Projekt als erstes?

Ich kann nur für mich sprechen: Ich werde in den nächsten 3 Wochen intensiv an der Fertigstellung meines Buches arbeiten (Chacka, chacka, chacka). Es fehlt nicht mehr viel und vielleicht schaffe ich es sogar schon früher (wenn ich eben nur an einem Projekt arbeite, chacka, chacka, chacka). Dafür werde ich diese Woche noch einiges vorbereiten, damit ich mich dann auch wirklich auf dieses eine Projekt konzentrieren kann. (Dafür wird übrigens auch der Shop ab Samstag für 2 Wochen geschlossen.)

Andere Projekte, wie zum Beispiel die Planung der Tour-Kurse 2015 und der Online-Kurse  (ja, daran hab ich auch schon eine Menge gearbeitet) dürfen im Laufe der Woche Nümmerchen ziehen und sich an der Schlange anstellen.

Was meint ihr? Ist das System was für euch oder habt ihr andere bzw. eigene Strategien, die ihr im Job oder im Privatleben verwendet?

Wer sich grundsätzlich für das Thema interessiert, dem möchte ich noch einen Buchtipp mit auf den Weg geben:
„Getting Things Done“ von David Allen
Das Buch ist als gedruckte und digitale Ausgabe, sowie auch als Hörbuch erhältlich.
Ich wurde heute auf Facebook darauf aufmerksam gemacht, dass es das Buch mittlerweile auch auf Deutsch gibt:
„Wie ich Dinge geregelt kriege“

Ich persönlich habe die Audioversion auf Englisch sicher schon 5 Mal gehört und finde immer wieder etwas Neues, das ich für mich verwenden kann.

13 Kommentare

  1. 1
    Anke says:

    Wow, das klingt, als hättest du aber durchaus Mühe, deine Ideen zu kanalisieren… Das kenne ich von mir. Ich habe immer 20 Dinge parallel im Kopf und angefangen. Das ist wahnsinnig ineffizient aber irgendwie schöpfe ich aus diesem Chaos Kreativität und Kraft.
    Wenn ich müsste, würde ich mich sicher auch so gut organisieren. In dem Fall liebe ich klare to-do Listen!

    • 1.1
      chantimanou says:

      Danke für dein Feedback, liebe Anke (ich freue mich, dass du so treu mitliest :D)
      Ich glaube kanalisieren kann ich die Ideen eigentlich ganz gut, oft habe ich sogar mein Ziel schon ziemlich genau vor Augen und schreibe alles auf oder zumindest in Notizen. Aber machen kann ich eben nicht alles gleichzeitig 😉
      Bzw. selbst wenn ich diese ganzen Notizen hab und weiß was ich alles machen will, dann stehe ich immer noch vor der Frage „was mache ich jetzt, in genau diesem Moment?“ Und ich glaube da geht es vielen so.
      Oft habe ich Ideen oder Einfälle zu anderen Projekten, wenn ich gerade an etwas vollkommen anderem arbeite. Und das ist gut so und so wird es mir immer gehen. Aber ich will mir angewöhnen, die Geduld zu haben daran weiter zu arbeiten, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Aufschreiben und weitermachen. Das ist der Plan 😀

  2. 2
    FrauNesta says:

    Huhu liebe Chanti,

    Ich finde die Idee mit Deinen Schubladen super. Evtl. probiere ich das auch mal für mich, wobei ich schon ziemlich diszipliniert bin.
    Momentan habe ich 2 Projekte, ein Halstuch und Socken, an denen stricke ich aber schon eine gefühlte Ewigkeit. Wenn jetzt noch die Swapanleitung kommt, hab ich hoffentlich das Tuch schon fertig, ansonsten hab ich diese Regelung mit mir selbst, höchstens 3 Strickprojekte (in dem Fall ist die Schublade voll 🙂 )

    Auf das Buch bin ich immer noch sehr gespannt,

    Ganz liebe Grüße,

    FrauNesta

    • 2.1
      chantimanou says:

      Das klingt ja super, du scheinst wirklich sehr organisiert zu sein. Und drei Strickprojekte passen auf jeden Fall in eine Schublade (ist ja immer die Frage wie groß die Schubladen sind *lol*)
      Ich bin schon ganz aufgeregt, weil ich mitten im Layout stecke und die Endphase anpeile. Natürlich fällt mir ständig noch was auf, was ich ändern oder ergänzen möchte und irgendwie wird die ToDo-Liste immer länger, anstatt kürzer. Aber das wird sich auch noch ändern.
      Hibbel, hibbel…
      Ich plane tatsächlich auch euch in den nächsten Wochen recht regelmäßig auf dem Laufenden zu halten, was das Buch angeht. Also könnt ihr mithibbeln 😀

  3. 3
    Bärbel says:

    Liebe Chanti, ich brauche einen Schrank 😉 ……… ich bin völlig planlos, da ich mich leider für vieles begeistern kann. Wolle, stricken, Wolle spinnen, Handspindel (seid neustem) leider viel zu viele Projekte……….Chaos im Kopf. Kartons vom Umzug müssen noch ausgepackt werden. Chaos in meinem Kopf. Bin ehrlich, ich finde meinen Gleichklang nicht mehr.

    Mittlerweile habe ich Projekte, die ich nur am Campingplatz mache und auch dort deponiert habe.

    Aber ich werde mal versuchen mich zu ordnen evtl kommt hoffentlich was bei rum.

    Alles Liebe
    Bärbel

  4. 4
    Meinhild says:

    Chanti, ich kenne diese Problematik nur zu gut. Und jetzt ist seit gestern auch noch das Handspindelset angekommen. 🙂
    Ich bin seit Mai dabei mich neu zu organisieren. Ich benutze die Methode „Bullet Journaling“ (www.bulletjournaling.com). Das hilft mir auf der Arbeit und zu Hause.

  5. 5
    Lydi says:

    Hallo Chanti, dieses „Schubladenkonzept“ habe ich mir vor einigen Wochen vorgenommen (und bis jetzt auch durchgezogen) es gibt immer ein Strick-, Häkel-, Spinn, Naalbinding- und Brettchenwebprojekt und erst wenn eins davon fertig ist wird das nächste aus dieser Kategorie angefangen. Mir fällt das nachwievor relativ schwer neue tolle Sachen erstmal auf die Liste zu setzten und nicht gleich in Wolle umzuwandeln, aber es ist schön einzelne Projekte schneller fertig zubekommen. (und es bleiben so ja trotzdem immer 4-5 gleichzeitig 😉 )
    Ich wünsche dir und allen die es ähnlich versuchen das nötige Durchhaltevermörgen und Selbstdisziplien.
    LG Lydi 🙂

  6. 6
    Gabi says:

    Liebe Chanti,
    ein ganz kleinwenig von deiner Entschlussfreude hätte ich wohl gerne….
    Sich zu sortieren, strukturieren…ist leicht gesagt und toll gedacht…nur das MACHEN, da hängt es bei mir…ich finde deine Idee mit den Schubladen OHNE Unterschubladen oder Kästchen wirklich gut; ich werd mich mal mit mir unterhalten…und mich mal auf deinen LinkTipps umschauen und bei dir weiter lesen.
    Ich drück dir auf jedenfall ganz dolle die Daumen – dein Buch…ich bin gespannt!
    Alles Liebe
    Gabi

  7. 7
    kobiene says:

    Moin, Chanti,

    ich habe sowohl beruflich als auch mit den Hobbies das Phänomen, dass mehrere Projekte zeitgleich bzw. zeitlich verzahnt laufen. Beruflich, weil es die Strukturierung über das Jahr so mit sich bringt. Und privat, weil ich perfekt den konsequenten Zickzackkurs beherrsche.

    Natürlich kann und muss man dann Prioritäten setzen. Allerdings ändern die sich möglicherweise, gerade bei lang andauernden Projekten, unterwegs irgendwann.

    Vielleicht hilft das Verfahren bei der Organisation für die, die sich auch nicht ein- für allemal festlegen mögen:

    Die Projekte sind in einer schlichten Excel-Tabelle aufgemetert. Spalte 1: Kategorie (Stricken, Musik, Nähen, Patchwork, Schreiben…), Spalte 2: Stichwort (Kammzug zu Spinnen, Frederick-Quilt zu Patchwork etc.). Spalte 3: das, was aktuell zu tun ist oder immer mal gemacht werden sollte. Spalte 4: Priorität (da vergebe ich aber nur 1 – brennt! – oder 2 – sollte so langsam mal -, der Rest bleibt leer.) Wer mag, Spalte 5: erledigt am…

    Hat bei guter Pflege den Vorteil: Man kann nach Sachgebieten filtern. Das kann alle möglichen Ideen für irgendwann mal aufnehmen, aber auch Teilschritte für gerade laufende Projekte. Mit den beiden Prioritäten-Markern lässt sich das gerade Wichtige herausfiltern (und die Liste deutlich kürzen), und Änderungen in der Schwerpunktsetzung sind möglich, ohne dass man den ursprünglichen Eintrag verliert.

    Damit beherrscht das Genie das Chaos – oder so ähnlich.

    Liebe Grüße
    Michaele

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