Warum Herausforderungen gut tun

Ich bin gerade stolz wie Oskar! Klar habe ich in den letzten Jahren eine Menge Spinn- und Strickprojekte fertig gestellt. Und ich mag sie auch alle. Aber mein neuestes fertiges Projekt ist für mich persönlich was ganz Besonderes! Und natürlich möchte ich es gerne mit euch allen teilen.

Das Ausgangsmaterial

Kurz vor Weihnachten, beim letzten Spinntreffen des Jahres 2014, habe ich mir ein paar Restekammzüge zusammen gesucht und daraus Rolags gemacht. Ich habe einfach wild zusammen gemischt: Naturbraune Shetlandwolle, einen angefilzten Polwarth Kammzug in Rosa und Lila, mit Indigo gefärbtes Ramie und weiße Maulbeerseide. Entstanden sind 200g Rolags, die mir zwar gefielen, mit denen ich aber nicht wirklich was anzufangen wusste (ich hab ja eigentlich ganz gerne klare Farbverläufe).

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Ende Januar hatte ich dann Spulen auf dem Sonata frei und habe die Rolags einfach mal drauf los versponnen. Eine Spule im kurzen Auszug, eine Spule im langen Auszug. Frau braucht ja Abwechslung.

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Das fertige Garn

Die beiden Fäden habe ich miteinander verzwirnt und erhielt zwei Stränge eines interessanten, aber nicht ganzen weichen Garns. Ich wusste erst Mal immer noch nicht wirklich was damit anzufangen. Durch das etwas angefilzte Polwarth und die Shetlandwolle, die auch schon etwas lange gelegen hatte, war das Garn nicht wirklich weich. Es kam also kein Tuch oder Schal oder ähnliches in Frage.

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Eine Freundin aus der Spinngruppe, die liebe gnomenhexe, hatte die fabelhafte Idee eine Tasche aus dem Garn zu machen. Die Idee fand ich super, trotzdem hing das Garn ewig an der Wand und ich bin drum herum geschlichen. Ich hatte nicht so den rechten Inspirationsschub für eine Stricktasche. Also blieb es hängen, bis ich vor etwa 1,5 Wochen endlich einen Motivationsschub hatte. Allerdings einer ganz anderen Art als sonst. Denn nachdem ich meinen Webrahmen vor etwa einem Jahr nach ein paar ersten Versuchen in die Ecke gestellt und nicht wieder hervor geholt hatte (fest überzeugt davon, dass Weben nichts für mich sei), hatte ich auf einmal Lust zu Weben.

Na gut, ich gebe zu, es war nicht auf einmal. Der Gedanke brodelte schon etwas länger in mir. Aber ich schaffte es doch immer wieder mich selbst abzuschrecken. Meine ersten Versuche im letzten Jahr hatten mich nicht wirklich überzeugt und ich redete mir immer wieder ein Stricken sei viel einfacher und überhaupt viel toller. Trotzdem blieb ich im Internet ständig an Bildern von handgewebten Stoffen hängen, beneidete jedes handgewebte Stück, das mir gezeigt wurde, und den/die Weber*in bis zum Grünwerden. Ich wollte das auch so gerne können. Eigne Stoffe weben! Und daraus Kleidungsstücke machen! Hach…

Webrahmen entstauben

Lange Rede, kurzer Sinn, wie ich manchmal bin, habe ich einfach den Rahmen ausgepackt, den ich letztes Jahr von einer Bekannten geschenkt bekommen habe, entstaubt und los gelegt. Und da fiel mir das Garn wieder ein und ich beschloss es würde ein prima Web-Übungs-Garn abgeben.

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Es war ein sonniger warmer großartiger Tag, dazu gemacht draußen zu arbeiten, und nachdem ich meinen Kirchen Webrahmen ein wenig modifiziert hatte, klappte das Schären der Kette schnell und schmerzlos. Ich war schnell webbereit und konnte gar nicht aufhören. Die Euphorie hatte total von mir Besitz ergriffen.

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Weben geht ja so schnell! Noch am gleichen Tag konnte ich den Stoff vom Rahmen nehmen und war extrem positiv überrascht. Die Musterung gefiel mir unheimlich gut und überhaupt: Ich hatte ein Stück Stoff gewebt! Meine Güte war ich stolz auf mich selbst. Nicht nur das, auch beflügelt und neu motiviert fühlte ich mich abends. Tausend Ideen für neue Projekte schossen durch meinen Kopf.

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Nach dem Waschen war der Stoff ca. 40cm breit und 1,30m lang. Und was nun tun mit dem Stoff? Erst Mal hab ich ihn neben mein Bett in mein Handarbeitskästchen gelegt und regelmäßig mit stolz geschwellter Brust bewundert. Aber ich wusste, dass ich etwas daraus machen muss. Ich musste mir einfach beweisen, dass es geht. Dass ich auch aus handgesponnenem Garn einen Stoff weben und dann auch etwas daraus nähen könnte. Ich hatte Blut geleckt, ich wollte mehr.

Und was macht man mit Stoff?

Für einen Schal war der Stoff immer noch zu rau. Ich dachte kurz über eine Weste nach, aber nachdem ich schon Jahre lang nichts mehr genäht hatte und ich nun auch nicht so unendlich viel Stoff zur Verfügung hatte, verwarf ich den Gedanken wieder. Also doch eine Tasche, das war doch ursprünglich der Plan.
Voller Tatendrang fragte ich dann gestern meine Mutter, ob sie mir meine Nähmaschine mitbringen könnte – die hatte ich ihr nämlich vor 2 oder 3 Jahren geliehen (jap, ich hab schon was länger nicht mehr genäht *hüstel*). Das tat sie sogleich und weil ich in meiner Mittagspause heute frei hatte (ein Kind war bei einer Freundin und das andere liegt mit einer Erkältung im Bett) machte ich mich also an die Arbeit.

Ganz ehrlich? Das aller aller aller aller aller aller Schwierigste war, den Stoff zu zerschneiden. Die ganze Arbeit zuvor war nichts dagegen! Ich hatte so eine Angst, dass mir alles einfach auseinander fällt und meine ganze Arbeit umsonst war. Ich hatte Muffensausen wie schon lange nicht mehr.
Aber nichts dergleichen geschah! Im Gegenteil. Der Stoff verhielt sich einfach wie ein Stoff sich eben verhält! Es hielt. Ich war überwältigt!

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Ich improvisierte also ein ganz einfaches Beutel-Taschen-Muster, malte es auf meinen Stoff (ich kann meine Schneider-Kreiden nicht mehr finden, deshalb musste ein Textmarker herhalten) und fing an zu schneiden. Und es war in Ordnung. Ich nähte die Kanten um, schloss die Seitennähte, schnitt pi mal Daumen einen Boden aus, steckte ihn ab und so weiter…

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Und Tadaaa! Fertig war meine Tasche – und ich überglücklich und vor allem stolz!
Stolz auf sich selbst zu sein tut so unglaublich gut. Ich finde wir sollten alle hin und wieder etwas tun, dass uns heraus fordert und dann stolz auf uns sein. Das ist so gut für die Seele (und gerade bei diesem unendlich elenden Wetter, zumindest hier bei uns, auch gut für die Laune!).

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Also fordert euch heraus! Tut etwas, was ihr schon immer mal machen wolltet, aber euch nicht so recht traut. Vielleicht etwas von dem ihr denkt, dass ihr es nicht könnt. Vielleicht auch etwas, was euch einfach bislang zu kompliziert oder aufwendig erschien.
Strickt ein Lacetuch, wenn ihr noch nie Lace gestrickt habt.
Probiert den Webrahmen aus, der seit einem Jahr in der Ecke neben der Couch steht.
Häkelt eine Bordüre an eine Tischdecke, obwohl ihr noch nie gehäkelt habt.
Oder baut ein Regal, wenn ihr schon immer mal ein Möbelstück selbst bauen wolltet.
Macht es einfach und seid stolz auf euch!
Oder seid einfach so stolz auf euch, denn ihr alle seid wunderbar und vollbringt Wunderbares!

In diesem Sinne habt einen wunderbaren Start in die Woche
eure Chanti

PS: Fast noch besser als Herausforderungen, sind gute Vorsätze. Seit meinen ersten Webversuchen im letzten Jahr habe ich mir eingeredet, dass mit dem Weben würde eh nichts geben, wenn ich nicht einen Ständer für meinen Webrahmen und ein paar Ersatzteile hätte (manches musste ich improvisieren, der Rahmen ist schon älter). Nun habe ich mir vorgenommen, wenn ich es geschafft habe 5 Webstücke zu produzieren, gönne ich mir die ersten Ersatzteile für meinen Kirchen. Wenn ich 10 geschafft habe, gibts ein Untergestell, damit ich nicht immer an einen Tisch gebunden bin. Vielleicht kaufe ich mir nach 20 Stück ja das Umbauset zu einem Vierschaft-Webstuhl!? Mal sehen....

MixedMedia-Rolags

 

 

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