Spinn- und Strickprojekt: Lacegarn aus Polwarth mit Bambus

Dieser Beitrag ist erstmals am 21.07.2020 erschienen und wurde am 16.08.2020 und am 01.10.2020 aktualisiert (mit einem Klick auf das Datum gelangt ihr direkt zur Aktualisierung).

Es juckt in meinen Fingern. Ich möchte gerne ein neues Lacetuch stricken. Vielleicht erinnert ihr euch an den tollen Pi Shawl, den ich letzes Jahr aus einem handgesponnenen Bluefaced Leicester Singlegarn gestrickt hatte? Ich liebe ihn und ich möchte noch einen, aber ein bisschen anders.

Pi Shawl aus handgesponnenem Bluefaced Leicester Singlegarn

Vor kurzem habe ich von einer Zuschauerin eine unterstützte Spindel bekommen, um meinen Spindel Repertoire für Kurse zu erweitern. Beigelegt hatte sie diese wunderbaren Kammzüge aus 70% Polwarth und 30% Bambus (Viskose) gefärbt von Woll Mantra.

Die Farbkombination hat mich sofort überzeugt – obwohl ich mir sicher war, dass ich die Kammzüge nicht so verspinnen werde, wie sie sind. Denn solche Mischungen, mische ich lieber noch Mal nach, um ein gleichmäßigeres Ergebnis zu bekommen.

Während der Tour de Fleece 2020 dürstete es mich dann nach einem Spindelprojekt für Unterwegs und mir kamen diese wunderbaren Kammzüge und mein Wunsch nach einem neuen Lacetuch in den Sinn. Meine Vorstellung ist ein geschmeidiges (Polwarth ist super weich), glänzendes (Bambus) Tuch mit einem schönen Faltenwurf.

Ich wollte die Kammzüge noch Mal durchkardieren, aber ungerene alle Farben zusammen mischen. Daher habe ich die Kammzüge auseinander gerupft und sortiert.

Was sich ganz schwer fotografieren lässt, ist der Unterschied zwischen den Blautönen. Die in der Mitte sind sehr viel grüner, als die ganz oben.

Die einzelnen Farben habe ich dann noch ein paar Mal durch Kardiergerät (meinen Hero von Woolmakers) gejagt.

Das Grau wurde dadurch natürlich deutlich aufgehellt. Und auch wenn die Blautöne nun noch näher aneinander sind, sind sie eigentlich unterschiedlich. Auf diesem Bild kann man es wohl erahnen, wenn man es weiß.

Am 11. Juli 2020 habe ich dann angefangen zu spinnen. Ich verwende meine geliebten Wechselwirtelspindeln (Stäbe von Pallia und NiddyNoddyUK) mit einem selbst gemachten 7g Fimo-Wirtel.
Gesponnen wird sehr fein im langen Auszug mit Hilfe einer Fingerkunkel von Ulrich Plehn.

Nachdem ich die dritte Spindel voll hatte, habe ich die ersten zwei Fäden abgewickelt und angefangen zu verzwirnen. Mein Plan ist tatsächlich ausnahmsweise Mal parallel zu stricken und zu spinnen. In der Regel versuche ich ja immer einen Arbeitsschritt komplett abzuschließen, bevor ich mit dem nächsten anfange. Also zum Beispiel alle Fasern zu spinnen, dann erst alle Fäden zu verzwirnen und dann alles zu verstricken.

Im Moment habe ich so viel im Kopf, dass ich dachte, es sei vielleicht einen Versuch wert, es mal anders zu machen. Und dadurch meine verschiedenen Interessen und Leidenschaften besser befriedigen zu können. Da ich bei diesem Projekt eigentlich ziemlich im Automodus spinne, befürchte ich auch nicht total aus dem Rythmus zu kommen.

Beim Abwickeln der ersten zwei Spindeln, habe ich eine Spindel mit einem Gummi gesichert, weil sie sonst immer aus ihrer Halterung flog.
Ich habe zwei der super feinen Fäden zu einem Zwirnknäuel gewickelt, um mir das Verzwirnen zu erleichtern.

Verzwirnt habe ich dann mit einer Wechselwirtelspindel, allerdings dieses Mal mit einem 21g schweren Zinn-Wirtel von NiddyNoddyUK. Auch das ist ungewöhnlich an diesem Projekt. Normalerweise zwirne ich gerne mit “normalen” Spindeln, weil es bei meinen bisherigen Versuchen mit Wechselwirtelspindeln nicht so recht flüssig laufen wollte. Aber dieses Mal hat es fantastisch geklappt – wahrscheinlich doch wieder alles eine Sache der Übung.

Der erste fertige Strang wiegt 20g, hat einen WPI von 31 und eine Länge von ca. 128m (639m/100) – ja, ich habe die Lauflänge gemessen. Wer meinen letzten Podcast gesehen hat, weiß, dass ich das sehr ungerne tue. Im nächsten Podcast werde ich noch Mal darüber sprechen.

Auf dem Bild ist das Garn noch ungebadet – gerade jetzt im Moment (21.07.2020) liegt es zum Trocknen im Garten. Ich bin ganz froh, dass ich schon einen Strang verzwirnt habe, denn ich hadere noch mit mir, ob ich nicht gerne ein etwas dichteres Garn mit etwas mehr Drall möchte. Ich bin derweil bei der vierten Spindel angelangt und könnte die bisher gesponnenen Fäden ja durchaus noch einmal nachdrehen. Aber darüber werde ich wohl noch ein, zwei Nächste schlafen.

Update: 16.08.2020

Nach etwas hin und her überlegen, habe ich mich dann doch entschieden das Garn so zu nehmen wie es ist und habe angefangen zu stricken. Die Inspiration für das Lacetuch, das aus dem Garn entsteht, sind Beziehungen. Das Muster besteht aus Kreisen und Spitzen, so wie Beziehungen manchmal rund laufen und manchmal ihre Höhen und Tiefen haben.

Der erste Mustersatz besteht aus kleinen Kreisen – während ich stricke spinne ich schon das nächste Garn

Die Muster entwerfe ich nach und nach, so wie ich auch das Garn für das Projekt spinne. Ich stricke meistens eher, wenn ich nicht spinnen kann. Zum Beispiel im Auto (ich kann auch im Auto mit Handspindeln spinnen, aber Spaß ist anders), auf dem Spielplatz, abends im Bett.

Um sicher zu gehen, dass ich nicht zu viel ribbeln muss, stricke ich Proben von den Mustern aus Bowmont-Garn.

Meine Probe für das zweite Muster

Mittlerweile habe ich den dritten Abschnitt fertig gestrickt. Bislang habe ich zwei Knäuele zweifach verzwirntes Garn verwendet, habe noch einen fertig verzwirnten und gebadeten Strang in Reserve und spinne die Fäden für einen weiteren Strang.

Ich spanne das Tuch nach jedem Musterabschnitt, um sicher zu gehen, dass mir das Muster so gefällt. Normalerweise würde ich das nicht machen. Wenn ich zum Beispiel nach einer Anleitung stricke, stricke ich erst das ganze Tuch und spanne dann nur einmal das ganze Tuch. Ich gestehe auch, dass das Spannen zwischen den Musterabschnitten mitunter mühseliger wird, da ja auch das Tuch wächst. Aber bislang genieße ich es.

Im Moment hänge ich ein wenig daran den nächsten Musterabschnitt zu designen. Ich möchte gerne eine Kombination aus Muster 2 und 3 schaffen. Während ich hin und wieder daran arbeite (im Urlaub bin ich irgendwie sehr viel schneller mit diesem Projekt voran gekommen), spinne ich in jeder freien Minute an dem Garn.

Update: 01.10.2020

Nachdem ich noch einige Male nachspinnen musste und Mitte September von der Handspindel zum Spinnrad gewechselt habe, konnte ich am 30.09.2020 das fertige Tuch abketten und spannen.

Ich bin sehr glücklich mit dem Garn in dem Tuch. Auch wenn es zum Schluß ein wenig anstrengend war, abwechselnd zu spinnen und zu stricken. Für das nächste Projekt werde ich das Garn auf jeden Fall wieder in einem Schwung spinnen und erst anfangen zu stricken, wenn das Garn fertig ist. Das liegt mir eher.

Für das fertige Tuch habe ich nur etwa 180g Garn verbraucht. Davon ausgehend, dass ich im Schnitt eine Lauflänge von etwa 650m/100g hatte, käme ich also 1170m Verbrauch.

Das fertige Tuch hat eine Spannweite von etwa 1,80 und eine Höhe von etwas über 90cm.

Nun kann ich mich daran machen, die Anleitung für das Design “Relationships” zu schreiben. Den ersten Entwurf hätte ich gerne im November fertig und würde dann nach Teststrickern suchen, die Lust haben, das Tuch auszuprobieren, damit ich die Anleitung 2021 veröffentlichen kann. Darauf freue ich mich schon riesig! Und bin ein klein wenig aufgeregt (hört nicht auf mich! Ich bin SEHR aufgeregt!).

7 Kommentare zu “Spinn- und Strickprojekt: Lacegarn aus Polwarth mit Bambus

  1. Angelika Nistl-Janssen

    Hallo Shanti,
    es ist unglaublich, was Du da alles verarbeitest und daraus machst ! Einfach toll !!! Ich würde auch gerne einmal so spinnen lernen, aber da muss man dabei bleiben können. Im Moment schaffe ich das noch nicht…. Mit der Handspindel habe ich schon angefangen, das klappt schon ganz gut, aber der Faden reißt noch leicht nach dem Abwickeln. Wahrscheinlich ist er zu wenig verdreht.
    Ich habe gesehen, dass es von Ashford auch ein elektrisches transportables kleines Spinnrad gibt und habe schon überlegt, ob das gut funktioniert, aber da muss man ja grundsätzlich mit dem Spinnrad spinnen können, sonst klappt das auch nicht.

    Alles Gute und hoffentlich machst Du wieder einmal einen Kurs in Österreich !
    Liebe Grüße

    Angelika

    • Liebe Angelika, ganz lieben Dank für deinen netten Kommentar. Der Espinner von Ashford ist sehr sehr praktisch! Muss man dafür schon am Spinnrad spinnen können? Nicht zwangsläufig, finde ich. Das komplizierte beim Spinnen am Spinnrad ist gleichzeitig zu treten und auszuziehen, während man an der Spindel abwechselnd arbeiten kann – wenn man noch lernt. Beim Espinner fällt das Treten natürlich weg, von daher ist es nicht so anders als mit einer Spindel im Flug zu spinnen – vielleicht sogar noch einfacher, weil sich der Espinner nicht wieder zurück dreht, wie die Spindel. Darüber hinaus kann man ihn auf sehr langsam einstellen – am “richtigen” Spinnrad hat man schnell Überdrall im Faden, wenn man dazu neigt schnell zu treten 😉 Ich würde nicht sagen, dass ein Espinner das ultimative Anfängergerät ist, aber ausschließen würde ich ihn nicht, glaube ich. Ich hoffe das hilft dir ein wenig weiter. Ganz liebe Grüße, Chanti

  2. Angelika Nistl-Janssen

    P.S. Entschuldige, ich habe Deinen Namen falsch geschrieben – Chanti sollte das natürlich heißen !! Sorry !

  3. Heike Weber

    Hallo
    Das Tuch ist traumhaft schön, es hat so tolle Farben und ist so fein gesponnen. Es gibt sicher viele die es nachtstricken wollen. Ich kann leider noch nicht so fein und regelmässig spinnen, aber ich übe fleissig.
    Gruss Heike

  4. Edith Lauber

    Hallo Chanti
    Ein wunderschönes Tuch ist das. Leider bin ich wohl nicht so begabt für Lace Muster. Bisher habe ich vor allem isländische Lopis gestrickt, dies, weil man da nichts zusammen nähen muss :-). So ein Tuch wäre eine grosse Herausforderung! Und ich übe auch fleissig das spinnen, das macht so viel Spass und dank Deinen Videos und Beschreibungen (sowie einem Kurs in Huttwil) sehen meine Bemühungen auch langsam nach Garn aus. Schön, dass es Dich gibt.

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