Rohwolle ölen (zum Kämmen, Kardieren und Spinnen)

Gut gewaschene Rohwolle kann trocken und etwas spröde sein. Um die Fasern zu schützen und besonders leicht weiterverarbeiten zu können, kann sie geölt werden. Ich habe verschiedene Arten und Mengen ausprobiert und möchte euch berichten, was ich herausgefunden habe. 

Zum Video: https://youtu.be/H4AM7lLNOLQ (Falls dieses hier nicht dargestellt wird)

Warum ölen?

Nachdem die Rohwolle gewaschen und damit entfettet wurde (dazu ganz unten noch ein paar Hinweise), kann sie sich trocken und spröde anfühlen. Um sie leichter verarbeiten zu können, wurde sie geölt (sie Quellenangaben unten) – heute wird dies in der Industrie immer noch praktiziert. Das Öl hilft die Fasern leicht von einander zu trennen und sie damit gut spinnbar zu machen. Die Wolle wird dadurch geschmeidig und vor allem auch vor den Strapazen der weiteren Bearbeitung geschützt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich auch Verunreinigungen leichter entfernen lassen.

Womit ölen?

Ich habe diverse Rezepte und Angaben ausprobiert. Ölivenöl hat mir am besten gefallen. Es lässt sich mit Hilfe einer Spritze leicht dosieren, trocknet erst bei unter 7°C, riecht angenehm und ist äußerst effizient. Möchte man ein anderes Öl verwenden, würde ich auf Grund meiner Recherche ein kaltgepresstes reines Öl verwenden, das möglichst flüssig ist und nicht zu schnell verharzt.

Wie viel Öl?

Da waren sich auch die Experten in den Büchern nicht ganz einig. Ich finde ein Minimum an Öl macht schon eine Menge aus und die Wolle sollte nicht zu stark geölt werden. Wenn man es nach Gefühl macht, sollte die Wolle sich geschmeidig, aber nicht wirklich ölig anfühlen. Ich verwende ca. 5-15ml auf 50g Fasern. Je feiner die Fasern, desto weniger Öl setze ich ein.

Zusätzlich kann die Wolle auch noch mit ein paar ml Wasser besprüht werden. Das unterstützt die Wirkung und Verteilung des Öls. Allerdings sollte man damit sehr sehr vorsichtig sein, denn feuchte Wollfasern sind weniger reißfest als trockene.

Wann ölen?

Theoretisch könnte man die Wolle direkt nach dem Waschen ölen, aber ich würde empfehlen zu warten, bis man die Fasern wirklich weiter verarbeiten möchte. So kann sich das Öl direkt gut verteilen und liegt nicht punktuell auf manchen Fasern.

Zum Kardieren

Am besten ist es die Fasern vorher aufzulockern, entweder mit der Hand oder mit einem Wollpicker. Dann kann man leicht eine entsprechende Menge Wolle abwiegen und tröpfchenweise das Öl darauf verteilen (ggf. zusätzlich mit Wasser einsprühen). Mit der Hand kann man dieses durch Zupfen noch weiter verteilen, bevor man die Fasern dann mit Handkarden oder einem Kardiergerät kardiert, wobei sich das Öl noch weiter verteilen wird.

Zum Kämmen

Um die Wolle zum Kämmen vorzubereiten, sortiere ich erst einmal die Locken und benetze diese dann jeweils mit einem Tropfen Öl und ggf. zusätzlich Wasser darauf sprühen. Die Locken lege ich dann so wie sie sind auf den Kamm und das Öl verteilt sich während des Kämmens. Um das zu begünstigen kann man die Kammnadeln erhitzen. Zum Beispiel indem man einen Kamm auf die Heizung legt oder die Nadeln in kochendes Wasser hält.

Spinnen und Waschen

Die Fasern sollten natürlich möglichst bald versponnen werden. Sollte es vorkommen, dass das Öl in den Fasern doch verharzt, weil sie kalt gelagert wurden, kann es helfen sie zu erwärmen, indem man sie auf die Heizung oder an einen Kamin legt. Dann sollten sie sich wieder geschmeidig spinnen lassen.

Nach dem Spinnen und Zwirnen kann das Öl heraus gewaschen werden. Olivenöl schmilzt in der Regel schon bei 40-50°C , etwas milde Seife kann dabei helfen es auszuwaschen.

Wollfett vs. Spinnöl

Nun wurde ich im Laufe des letzten Jahres schon häufig gefragt, warum das Wollfett denn ausgewaschen werden sollte, wenn die Wolle später ohnehin wieder geölt wird. Vor allem weil die positiven Eigenschaften des Wollfetts so häufig gepriesen werden. Diese kommen vor allem dann zum Zuge, wenn die Wolle noch am Schaf ist oder wenn das Wollfett zu Lanonin aufbereitet wird. Das Wollfett an der Rohwolle kristallisiert an der Luft mit der Zeit und ergibt dann kleine weiße Klumpen und/oder Schüppchen auf der Wolle, die sich nicht mehr heraus waschen lassen (daher sollte man auch ungewaschene Rohwolle möglichst luftdicht lagern). Im schlimmsten Fall kann das erkaltete Wollfett sogar anfangen zu riechen.

Darüber hinaus hält das Wollfett die Fasern eher zusammen und behindert damit das Kämmen oder Kardieren eher. Es hält auch Verunreinigungen wie Pflanzenreste eher fest. Wenn es während des Prozesses verharzt, lässt es sich aus dem fertigen Garn gar nicht mehr heraus waschen, so dass dieses sich immer fettig anfühlen wird.
Es gibt zudem noch viele weitere Vorteile, die sich durch das Entfetten der Rohwolle ergeben, auf die ich an anderer Stelle noch Mal eingehen werde.

Quellen: 

1 Über Kammwolle, Kammgarn-Spinnerei und Lammwollene Zeuge

von Friedrich Wilhelm von Reden (Seite 11 (https://bit.ly/32xqanT)

2 Die Tuchmacherkunst, vornehmlich in feinen Tüchern

von Henri Louis Duhamel du Monceau Seite 39 (https://bit.ly/3sBZM70 )

3 Nachricht von denen Manufacturen derer Tücher und anderer wollenen Zeuge

übersetzt aus dem französischen, keine Autoren-Angabe, Dreßden und Leipzig, 1765, Seite 125 (https://bit.ly/3yQIeFs)

4 Beschreibung des Tuchmacher Handwerks von Paul Jacob Marperger Seite 10

5 Die Wolle, Racen, Züchtung, Ernährung und Benutzung des Schafes von Dr. Georg May, Seite 117

6 The Alden Amos Big Book of Handspinning von Alden Amos Seite 369370-

7 Hand Woolcombing and Spinning von Peter Teal Seite 53

8 Die Manufacturen und Fabriken Deutschlands von Johann Friedrich von Pfeiffer,  Seite 65

9 Artikel über Wollwachs bei PharmaWiki https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Wollwachs

Weiterführende Links:

Rohwolle waschen: 

https://chantimanou.de/wolle-waschen-wie-frueher/

Wolle zum Spinnen vorbereiten: 

Blog: https://chantimanou.de/wollaufbereitung/ 

Kardieren mit Handkarden
Blog: https://chantimanou.de/handkarden/

Kardieren mit dem Kardiergerät 

Blog: https://chantimanou.de/kardieren-mit-dem-kardiergeraet/ 

Kämmen

https://chantimanou.de/wolle-kaemmen/

Kammgarn vs. Streichgarn (FAQ-Serie)

Blog: https://chantimanou.de/faq-kammgarn/ 

3 Kommentare zu “Rohwolle ölen (zum Kämmen, Kardieren und Spinnen)

  1. Ich verwende ein Fläschchen aus der Aptheke, das für Nasenspray gedacht ist und fein zerstäubt. Da hinein fülle ich ca 1-2ml Olivenöl und ca 5ml heißes Wasser. Damit zerstäube ich immer ein paar Hub auf eine Kardierportion, noch ein bisschen verteilen, fertig.

  2. Hallo liebe Chantimanou, Deine gesamten, konsequent über so viele Jahre, gehaltvollen Videos sind für mich die absolut Weltbesten. Ich bin von Deinem umfangreichen Fachwissen so begeistert, Du hast mich angefixt mit der Spinnerei, wenn man das sagen darf. Irre gut.
    Was ich immer wieder so sehr, gewissermaßen als Nebenprodukt von deinen Videos, liebe, sind die kleinen, niedlichen „Bilddurchläufer“ im Hintergrund. Bei dem hier 11:50 sitzt doch glatt so ein zuckersüßer Kerl am Ofen, hach ist das doch niedlich.
    Das nur am Rande, aber für mich wahrscheinlich auch wichtig.
    Ich habe mir ein Spinnrad und eine Handspindel gekauft und nun werde ich so Stück für Stück mich mit dem Thema beschäftigen. Auch das Magazin von den beiden Niederländerinnen kommt jetzt dieser Tage ins Haus geflattert.
    Ich bin sooo gespannt auf das was da alles kommen wird mit Wolle usw.
    Liebe Chantimanou, sag auch deinen Club- oder Mitgliedern die dir’s ermöglichen, dein geniales Wissen an uns da draußen weiter zu geben, vielen herzlichen Dank.
    Ich wünsch Dir ganz viel Gesundheit und Kraft für Deine wunderbare Arbeit
    Vielen Dank
    Gruß die anne

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