Vor dem Spinnen: Kämmen, kardieren oder aus der Flocke spinnen?

Mir ist schon häufig aufgefallen, dass die verschiedenen Möglichkeiten Wolle zum Spinnen vorzubereiten, gerade für Anfänger, häufig verwirrend sind. Muss man erst kardieren und dann kämmen? Muss man überhaupt kardieren? Welche Geräte muss man unbedingt anschaffen?
Das alles sind Fragen, die ich schon häufig gehört habe und ich möchte gerne versuchen ein bisschen Klarheit in das Wollaufbereitungs-Chaos zu bringen.

Möglichkeiten der Wollaufbereitung

Zuerst einmal sollte die Wolle vor dem Spinnen gewaschen werden. Ob sie danach noch fettig sein darf oder nicht, ist wohl Geschmackssache. Ich persönlich bevorzuge (aus diversen Gründen, die ich an anderer Stelle gerne noch Mal aufgreife) entfettete Wolle.

Daraufhin kann man drei verschiedene Aufbereitungsarten unterscheiden:
1. Aus der Flocke spinnen
2. Kardieren
3. Kämmen

Jede dieser Aufbereitungsarten steht für sich und erzeugt ein anderes Garn (abgesehen von Spinngerät, -technik und den eigenen Fähigkeiten)

Aus der Flocke spinnen

Die gewaschenen Flocken können mit der Hand ein wenig aufgezupft und mit Spinnrad oder Spindel gesponnen werden. Der Vorteil ist, dass keine weiteren Geräte von Nöten sind. Je nach Faser und Spinngerät wird das daraus gesponnene Garn aber etwas ungleichmäßig und fluffig – zumindest im Vergleich zu den anderen Aufbereitungsarten.

Kardieren

Beim Kardieren werde die Wollflocken mit Handkarden oder mit Hilfe eines Kardiergeräts aufgelockert und ein wenig sortiert. Daraus entstehen kardierte Vliese oder Kardenbänder. Man kann kardierte Fasern auch zu Rolags drehen. Die Fasern sollten nicht zu lang sein, über 10cm Faserlänge wird kardieren sehr schwierig und anstrengend. Für Kardieranfänger würde ich sogar zu Fasern mit einer maximalen Länge von 5-7cm raten.

Videotipp: Wolle kardieren mit Handkarden

Handkarden sind recht erschwinglich im Gegensatz zu vielen anderen Geräten, in der Wollverarbeitung und Spinnerei und sie daher gerade für Anfänger eine tolle Möglichkeit für den Einstieg in die Wollverarbeitung.

Kardierte Fasern lassen sich in der Regel wunderbar im langen Auszug spinnen und ergeben dann ein texturiertes, fluffiges Streichgarn. Selbst im kurzen Auszug gesponnen, sind die Garne aus kardierter Wolle in der Regel etwas ungleichmäßig und luftig.

Kämmen

Mit Wollkämmen kann man die Flocken so aufbereiten, dass alle kürzeren Fasern aussortiert werden. Und durch den Prozess des Kämmens liegen die übrig gebliebenen, längeren Fasern später schön ordentlich und parallel nebeneinander. Die Fasern können dann zu einem Band gezogen werden, das man einen Kammzug nennt.

Videotipp: Wolle kämmen

Daraus ergibt sich, ob mit Spindel oder Spinnrad gesponnen, folglich auch ein glattes, „ordentliches“ und dichtes Garn.

Ich werde häufig gefragt, ob man die Fasern erst kardieren und dann kämmen muss. Das ist nicht nötig! Man kann natürlich bereits kardierte Fasern kämmen, aber es ist im Gegenteil sinniger, die Wolllocken (Stapel) auch beim Waschprozess so intakt wie möglich zu lassen. So hat man weniger aussortierte Fasern und schneller einen gleichmäßigen Kammzug.

Fazit

Am Ende stehen also zwei Fragen im Vordergrund:
„Welche Aufbereitungsart liegt in meinen Möglichkeiten?“ z.B. weil ich die entsprechenden Geräte zur Hand habe oder anschaffen kann/möchte. Und „Welche Vorstellung habe ich von dem Garn, dass ich spinnen möchte?“

Diese Fragen muss natürlich jeder für sich selbst beantworten. Ich persönlich finde glatte aus dem Kammzug gesponnene Garne eigentlich sehr schön, aber wenn es um die Aufbereitung geht, genieße ich sehr die Arbeit mit Handkarden. Ich muss also hin und wieder Kompromisse machen. Wie ist es bei euch?

Von links nach rechts: Aus der Flocke gesponnen, handkardierte Fasern, Kammzug Man kann die Unterschiede in der Garnstruktur hier sehr deutlich erkennen, denke ich.

2 Kommentare zu “Vor dem Spinnen: Kämmen, kardieren oder aus der Flocke spinnen?

  1. Nadja Gerber

    Hoy y como siempre, te agradezco tanto por tu trabajo

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