Projekte

Mein erster gewebter Pullover aus handgesponnenem Garn

Ich hatte mir vorgenommen mehr Blogposts zu meinen fertigen Projekten zu schreiben, um euch sowohl den Werdegang, als auch die fertigen Stücke in einem Artikel zusammen zu fassen. Nachdem ich meinen Webpullover schon in meinem Podcast vorgestellt habe, findet ihr im folgenden noch Mal gesammelt alle Infos zu den Fasern, den Garnen, dem Webprojekt und dem fertigen Pullover.

Die Idee

Vor etwas über einem Jahr habe ich einen Plan gefasst: Ich wollte einen Pullover aus gewebtem Stoff. Die Idee entstand durch einen Pullover, den mein Vater mir schon vor vielen Jahren aus Guatemala mitgebracht hatte.

Der Vorlage-Pullover

Ich liebe diesen Pullover bis heute und war schon immer von der Idee inspiriert mir einen solchen Pullover selbser zu weben und zu nähen. Natürlich aus handgesponnenem Garn, versteht sich!
Das Schnittmuster sollte sogar noch etwas simpler sein, als das der Vorlage. Keine Taillierung, gerade Kanten, wenig Verschnitt.

Wirklich Fahrt aufgenommen hat die Idee, nachdem ich Ende 2017 ein paar Kammzüge bei Frl. Riech-Fein gekauft habe, die farblich prima zu ein paar Garnen passten, die ich schon vorher gesponnen hatte.

Die Fasern und Garne

Schon 2016 hatte ich mir einen Kammzug aus Shetland- und Finland-Wolle gemischt mit Fake Cashmere von Elfenwolle, in erster Linie wegen der Farben gekauft und diesen auch recht zeitnah mit verschiedenen Spindeln versponnen.

Kammzug (Shetland/Finland/Fake Cashmere) von Elfenwolle

Herausgekommen sind 5 Mini-Stränge von jeweils ca. 20 Gramm. Kettengezwirnt um den Farbverlauf zu erhalten. Insgesamt 181m auf 97g mit einem WPI von etwa 21.

Fertige Garne aus dem Elfenwolle-Kammzug

Später im gleichen Jahr habe ich mir beim Spinntreffen von einer Bekannten ein paar handgefärbte Kammzüge gekauft, die sie aus ihrem Stash aussortiert hatte. Auch hier waren definitiv Wolle und Seide oder Tencel im Spiel. Aber die Schilder zu den Kammzügen gabe es nicht mehr, deshalb weiß ich leider nicht genau um welche Wollsorte es sich handelte.

Kammzüge aus dem Stashabbau einer Spinngruppen-Kollegin

Diese Fasern habe ich mit dem Spinnrad versponnen und ebenfalls dreifach (ketten-) verzwirnt. Daraus sind drei Stränge mit insgesamt 711m auf 286g geworden. Die durschnittliche Laufänge betrug also 248m/100g. Bei einer Stärke von etwa 19 WPI (Ja, die Garne waren dicker, als die aus dem Elfenwolle-Kammzug, hatten aber trotzdem eine höhere Lauflänge. Unterschiedliche Fasern!!!)

Diese Garne lagen ungewöhnlich lange in meinem Vorrat. Ich wusste, ich wollte sie zusammen verarbeiten, weil sich die Farben so ähnlich waren. Aber für einen Pullover war es mir zu wenig und für ein Tuch/Schal zu viel. Also warteten sie geduldig auf ihre Gelegenheit.

Und dann kamen diese drei Kammzüge von Frl. Riech-Fein des Weges.

Die Färben waren bei allen die gleichen, nur die Faserzusammenstellungen waren etwas unterschiedlich: (von oben nach unten)
1. 66% Merino, 17% Banane, 17% Tussahseide
2. 66% Merino, 17% Leinen, 17% Tussahseide
3. 70% Merino, 30% Tencel

Um die Kammzüge ein wenig mehr zu vermischen, die Farben aber trotzdem zu sortieren, habe ich alle drei in ihre unterschiedlichen Farbtöne zerrupft und nach Farben sortiert. Die Farben habe ich dann nacheinander auf Handspindeln gesponnen – was mich mitunter einige Nerven gekostet hat, weil sich die Fasern auf Grund der unterschiedlichen Fasern und des Leinenanteils nicht immer flüssig und gleichmäßig ausziehen ließen. Das nächste Mal, wenn ich so viele unterschiedliche Fasern in so einem Projekt habe, würde ich die Fasern vorher noch einmal kardieren! Wieder was gelernt.

Auch diese Garne habe ich dann navajo- bzw. kettengezwirnt. An diesem Punkt war mir klar, dass ich sie mit den anderen Garnen kombinieren möchte, um meinen Pullover zu weben und ich wollte ein ähnliches Garnverhalten erreichen.
Heraus bekam ich 13 Stränge zwischen 20 und 26g. Insgesamt 795m auf 318 (also 250m/100g Lauflänge) bei einer Stärke von 17 WPI.

Nun hatte ich schon jede Menge Garn zusammen und machte erste Entwürfe und Kalkulationen für meinen Pullover. Trotzdem hatte ich Angst schlußendlich mit zu wenig Garn da zu stehen und suchte nach Ergänzungsmöglichkeiten.

Von einer Zuschauerin bekam ich 2018 einen Falkland-Kammzug, der meiner Meinung nach ganz wunderbar in das Ensemble passt, gerade weil die Färbung nicht ganz so ähnlich war.

Diesen spann ich zum Teil mit dem Spinnrad, zum Teil mit Handspindeln. Schlußendlich sind auch ein paar Experimentier-Garne daraus geworden, die ich nicht mit in das Projekt habe einfließen lassen.

Schlußendlich hatte ich für den Pullover 179g Garn zu Verfügung. Bei einer Länge von 277m und einer Stärke von 16 WPI – und somit das dickste Garn in der Runde. Ich hatte nicht wirklich bedacht, dass es ein wenig mehr aufgehen würde, nach dem Baden. Aber ich war trotzdem entschlossen es einzusetzen.

Die Planung

Nachdem ich (vermeindlich) alle Garne zusammen hatte, konnte ich mich an die Planung machen.

Erste Entwürfe für meinen Pullover

So sah der erste Entwurf für meinen Pullover aus. Später habe ich mich für einen einfach runden Halsausschnitt entschieden. Links seht ihr die Skizze für Vorder- und Rückenteil und rechts auf der Seite die Skizze für den Ärmelstoff gefolgt von ein paar Berechnungen.

Nachdem ich aus zeitlichen Gründen das Projekt noch etwas habe schlafen lassen, habe ich mir im März 2019 ein Herz gefasst, alle Garne zu Knäulen gewickelt und das Projekt noch Mal genau durch kalkuliert.

Auf dem Bild seht ihr einen Teil meiner Kalkulationen. Nachdem ich alles berechnet hatte, wurde mir wieder ein wenig heiß und kalt. Auf dem Papier sah es so aus, als würde es funktionieren. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt noch den Plan den Stoff zu walken und fühlte mich doch sehr unsicher. Daher habe ich noch ein Garn aus meinem Vorrat gefischt, von dem ich dachte, dass es einen schönen Akzent setzten und dem Ganzen noch ein wenig Pepp geben würde.

2017 hatte ich von einem Spinngruppen-Kollegen von ihm gewaschene und kardierte Wolle aus Wehen geschenkt bekommen. Diese hatte ich zum Jahreswechsel 2017/2018 auf dem Spinnrad gesponnen und verzwirnt. Einen Großteil des Garns habe ich zum Stricken eines Lanesplitters verwendet. Aber ein Strang war noch übrig und das war perfekt, um mein Pullover-Projekt zu ergänzen, obwohl es um einiges rauer und texturierter war als die anderen Garne.

Meine schlußendlichen Berechnungen sahen dann so aus:
Leinenbindung Gatterkamm 40/10 
Alle Garne um 14-20WPI
Kette 
248 Fäden (für 62cm Stoffbreite) 
323cm Länge 
(gewünschte Stofflänge 229cm + Einzug + 40cm Abfall)
Geplanter Verbrauch Kette: 
248 Fäden x 323cm Länge = 80.203cm (802m)
Geplanter Gesamtverbrauch: 
1.526m Garn

Wie viele Fäden ich von welchem Garn für die Kette scheeren wollte, habe ich versucht an Hand von Prozenten auszurechnen und daraus ein sinnvolles Muster zu machen. Dieses habe ich mir dann als Referenz, auf eine Karte gewickelt. Die Karte seht ihr rechts im Korb neben den Garnen auf dem Bild oben.

Das Weben

Die Kette habe ich auf dem Scheerrahmen in zwei Hälften abgemessen und dann auf den Rahmen gebracht. Ich habe die Fadenenden erst in den Gatterkamm eingefädelt und dann am Kettbaum angeknotet, um die Kette dann aufwickeln zu können. Leider habe ich dabei jede Menge Mist gebaut – ich war unentspannt, eigentlich zwischen Tür und Angel und hatte viele Fehler im Gatterkamm und irgendwann totales Chaos auf dem Kettbaum. So dass ich ein gutes Stück wieder abgewickelt und nach ein paar Tagen einen neuen, erfolgreicheren Versuch gestartet habe.

Beim Weben viel mir relativ bald auf, dass die braunen Wehener-Garne sich etwas anders verhielten und nicht leicht auf die gleiche Spannung bringen ließen, wie die anderen. Erst bei dem zweiten von drei Stoffstücken kam ich auf die Idee hinter dem Kettbaum Gewichte an diese Fäden zu hängen.

Um die Länge der Einzelnen Stoffstücke abzumessen, habe ich ein altes Schrägband abgemessen und an der Seite des Webstücks festgepinnt. Bevor ich Kette nachgelassen und Stoff aufgewickelt habe, habe ich die Nadeln etwas weiter hoch gesetzt, so dass sie nicht mit aufgewickelt wurden. So konnte das Band immer frei hängen und ich konnte es wieder verwenden.

Im Schuß habe ich die exakt gleiche Garnreihenfolge verwendet wie in der Kette.

Die Kanten der einzelnen Stücke habe ich gleich auf dem Rahmen vernäht. Schlußendlich hatte ich drei Stücke Stoff mit folgenden Maßen:
62x64cm Vorderteil (es sollte eigentlich ein wenig länger werden, aber ich habe mich wahrscheinlich beim Weben vermessen) 
62cm x 66cm Rückenteil
62cm x 86cm für die Ärmel

Schon nach dem Baden des Stoff fiel mir auf, dass sich die braunen Streifen nun doch recht stark wellten. Im ersten Stück, bei dem ich die Kette noch nicht mit Gewichten beschwert hatte, sogar noch mehr, als in den anderen. Vielleicht hätte ich von der Tatsache geschockt sein sollen. Aber ehrlich gesagt war ich eher fasziniert!

Das braune Garn war eines der wenigen reinen Wollgarne in diesem Projekt. Das einzige andere war das Falklandgarn in hellblau (das sich übrigens auch ein wenig anders verhalten hat in Punkto Spannung, aber nicht so stark wie das Braune). Alle anderen Garne bestanden aus Wolle und beigemischten Fasern. Fake Cashmere, Tencel, Leinen, Seide und dergleichen. Und die verhalten sich natürlich anders alle Wolle.
Was mich nun so fasziniert ist, dass es aussieht, als ob die braune Wehener Wolle eher ausgeleihert wäre. Aber eigentlich neigt Wolle am wenigsten von den genannten Fasern dazu auszuleihern! Im Gegenteil. Ob es nun an der Haarstruktur dieser Schafe liegt, oder an der Art wie ich sie gesponnen habe, am Drall, bleibt erst Mal noch in den Sternen stehen. Genau kann ich es nicht sagen. Aber ich werde sicher noch Mal mit solchen Phänomenen experimentieren.

Das Nähen

Beim Nähen habe ich es mir wirklich einfach gemacht.
An dem vorderen Stück habe ich ein wenig für den Halsauschnitt ausgeschnitten und umgenäht. 
Daraufhin habe ich Vorder- und Rückenteil an den Schultern zusammen genäht. 
Für die Ärmel habe ich ein Schnittmuster aus der Vorlage eines anderen Pullovers erstellt und die Stücke dann ausgeschnitten. 
Den Stoff für die Ärmel, habe ich dann an Vorder- und Rückenteil angenäht, bevor ich die Seitennähte und die Ärmelnähte geschlossen habe. 
Die unteren Kanten der Ärmel habe ich umgenäht, so wie auch die unteren Kanten von Vorder- und Rückenteil.

Für die Ärmel habe ich mir ein Schnittmuster von dem Vorlagen-Pullover kopiert. Ich hab den Ärmel auf Papier „abgemalt“ und das Ganze mit einem Lineal gerade gezeichnet.

Auf dem Bild kann man gut sehen, wie sehr ich den Pullover liebe. Ich flicke regelmäßig Löcher an den Ärmeln.

Das Einzige was ich an dem Originalpullover nicht so gerne mag, ist das die Ärmel an den Webkanten enden. Um meine Ärmel ein wenig zu verstärken, habe ich die Kante einen halben cm umgeschlagen und abgesteppt. Hoffentlich hilft es!

Durch die Planung und das Muster, hatte ich wirklich nur minimal Verschnitt. Auf dem Bild sehr ihr alle Stoffreste nach dem Schneiden der Ärmel und des Halsausschnittes.

Besonders vorne auf Taillenhöhe gefielen mir die Beulen durch das braune Garn überhaupt nicht. Deswegen habe ich diese Stellen mit der Hand abgenäht und so eine minimale Taillierung geschafften.

Verbrauch

Aus diesem Projekt habe ich auf jeden Fall gelernt meinen Berechnungen zu vertrauen. Den tatsächlich habe ich 2m weniger verbraucht, als ausgerechnet.

Genauer Verbrauch der einzelnen Garne:
Blue Pond: 63g / 117m 
Eismeer: 114g / 283m 
Himmel mit Wolken: 171g / 264m 
Summerfield: 267g / 668m 
Wehener Wolle: 104g / 192m

Also insgesamt 719g und 1.524m
Der Pullover selbst wiegt ca. 440g, also 279g weniger. Ein großer Teil davon ist Abfall vom Rahmen (Anbindung und nicht webbare Teile) und natürlich der Verschnitt von Kragen und Ärmeln.

Fazit

Ich habe also gelernt auf meine Berechnungen zu vertrauen und in Zukunft noch genauer auf die Fasern bzw. die Faserzusammensetzung zu schauen. Fasermischungen mit Nicht-Wolle-Fasern verhalten sich einfach anders, als Nur-Wolle. Das war mir theoretisch klar, aber ich finde der Pullover ist ein sehr schönes Beispiel.

Der Pullover ist kuschelig, anschmiegsam und sehr warm. Ich trage ihn unglaublich gerne und nach dem er Anfang Juni 2019, nur ein paar Wochen vor Beginn der Hitzewelle, fertig geworden ist, freue ich mich ausnahmsweise ein klitzekleines wenig bisschen auf den Herbst und darauf ihn wieder anziehen zu können.

1 Kommentar zu “Mein erster gewebter Pullover aus handgesponnenem Garn

  1. Henriette Wormstall

    Es ist ein wunderschoener Pullover, er steht dir richtig gut. Ich bewundere deine Rechenschritte. Bei mir geht es meist auf ungefaehr an Material, was, seit ich von gekauftem Garn auf Handgesponnenes gewechselt habe, dazu fuehrt, dass ich improvisieren muss. Noch habe ich nie zu viel gewebt, sondern eher noch ein „Ersatzteil“ angestrickt. Ich kann also noch viel von dir lernen. Ganz herzlichen Dank auch fuer die ausfuehrliche Information.
    Hab einen tollen Urlaub.
    Henriette

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