Wolle kämmen

Rohwolle von Hand zu kämmen wird in der Regel als etwas aufwendiger angesehen, als das Kardieren. Allerdings wird man damit belohnt, dass handgemachte Kammzüge sich sehr leicht und gleichmäßig verspinnen lassen. Im zeige euch wie ich Wolle kämme und Kammzüge daraus ziehe. Solltet ihr noch keine Wollkämme haben, findet ganz unten außerdem eine Liste von Händlern.

Warum Kämmen? (00:40)

Während des Kämmens werden die Wollfasern besonders gut sortiert, so dass sie sich sehr glatt und gleichmäßig ausziehen lassen. Darüber hinaus werden jegliche Knötchen und kürzere Fasern aussortiert, was das Spinnen noch einfacher und ordentlicher macht.

Wollkämme (01:00)

Wollkämme können unterschiedliche viele Nadelreihen haben, die meisten sind ein- oder zweireihig. Je mehr Nadelreihen ein Kamm hat, desto feiner kann die Wolle damit aufbereitet werden.
Die Größe der Kämme bestimmt wie viel Wolle auf einmal gekämmt werden kann. Wenn man häufiger und/oder mehr kämmen möchte, lohnen sich also größere Kämme.
Gerade für größere Kämme ist eine Tischbefestigung sinnvoll. Die beschriebene Technik funktioniert genauso wenn man beide Kämme in der Hand hält, aber es geht sehr viel einfacher und schneller, wenn man einen Kamm an einem Tisch befestigen kann. Für manche Kämme gibt es dafür spezielle Tischhalterungen. Manchmal kann man sich aber auch mit einer Schraubzwinge oder festen Klammern helfen.

Sonstiges Material (02:00)

Die Wolle sollte zum Kämmen zumindest 5cm lang sein. Gerade viel längere Wollsorten lassen sich in der Regel nur kämmen, nicht kardieren. Allerdings sollte man zum Üben nicht die allerlängsten Fasern wählen, weil das doch etwas schwieriger sein kann.

Wenn ihr die Fasern ölen möchtet, stellt euch etwas Ölivenöl oder eine entsprechende Ölmischung eurer Wahl bereit.

Habt ihr Wolle mit eher verklebten Spitzen, kann darüber hinaus eine Handkarde, eine Bürste oder ein einfacher kleiner Kamm hilfreich sein, um diese vor dem Kämmen zu öffnen.

Vorbereitung (03:08)

Ich persönlich wasche Wolle gerne so wie sie ist und sortiere die Locken hinterher. Manche sortieren sie lieber vorher. Das müsst ihr für euch ausprobieren. Aus der gewaschenen Wolle ziehen ich die Locken heraus, indem ich die Spitze einer Locke festhalte, mit der anderen das Vlies und dann die Locke ruckartig heraus ziehe.

Wenn nötig trenne ich die Spitzen auf, indem ich sie einmal über eine Handkarde ziehe. Wenn ich schon dabei bin, verfahre ich mit den Wurzeln genauso und entferne ggf. Verschnitt und Knötchen.

Während ich die Locken vorbereite, heize ich die Nadeln des anderen Kamms auf. Das macht das Kämmen noch leichter. Dafür kann man die Nadeln in heißes Wasser legen oder den Kamm auf eine Heizung/einen Ofen stellen.

Kamm befüllen (04:19)

Die Fasern lege ich so auf die Kammnadeln, dass das Wurzelende zwischen oder gerade über die Nadeln heraus liegt. Der Großteil der Faserlänge sollte vor dem Kamm liegen.

Zwischendurch gebe ich ein wenig Öl auf die Fasern.

Die Nadeln sollten höchstens halb voll sein, weil die Fasern durchaus aufpuffen können und man später etwas Platz braucht, um sie nach oben verteilen zu können. Mit den Händen verteile ich das Öl ein wenig in den Fasern.

Kämmen (05:55)

Den Kamm mit den erhitzten Nadeln halte ich in der Hand und kämme von links nach rechts (oder von rechts nach links) erst einmal durch die Spitzen der Fasern.

Dabei achte ich immer darauf, dass ich den aktiven Kamm weit genug weg bewege, damit die Fasern sich nicht versehentlich einfalten. Wenn ein Kamm befestigt ist, kann ich mit der freien Hand auch nachhelfen und die Fasern trennen.
Zwischendurch wechsle ich die Richtung, um alle Fasern gleichmäßig abzukämmen. Die Kämme kommen sich dabei immer näher.

Zwischendurch kann es Sinn machen, die Fasern auf dem passiven Kamm noch Mal etwas nach oben hin aufzulockern, damit fest sitzende Fasern sich abkämmen lassen.

Mit der Hand kann man zwischendurch auch immer mal die Fasern arrangieren und begradigen, um den Prozess noch etwas zu erleichtern.
Die letzten Fasern, die sich nicht mehr abkämmen lassen, lasse ich erst Mal liegen.

Um die Fasern wieder zurück zu kämmen, arbeite ich dann mit dem Kamm von oben nach unten während die Nadeln wieder zur Seite zeigen.

Auch hierbei kann es Sinn machen, mit der freien Hand ein wenig nachzuhelfen und die Fasern zu trennen, damit man den Kamm nicht ganz so weit weg bewegen muss.

Und genauso wie beim ersten Durchgang drehe ich auch den aktiven Kamm wieder ein paar Mal, so dass die Nadeln jeweils in eine andere Richtung zeigen.

In der Regel mache ich 4-6 Durchgänge. Dann sind die Fasern meistens gut und ordentlich gekämmt. Zuletzt lasse ich die Fasern auf dem passiven Kamm liegen. So zeigen die Spitzen wieder zu mir. Manche ziehen das Band gerne von den Wurzeln aus. Probiert was für euch besser funktioniert.

Wer einen Heckle hat, kann im letzten Durchgang die Fasern auch darauf sammeln und dann die Wolle mehrerer Kämmprozesse gemeinsam zu einem längeren Kammzug ziehen.

Die letzten zurück gebliebenen Fasern auf dem aktiven Kamm, den Kämmling, lege ich zur Seite.

Kammzug ziehen (10:18)

Theoretisch kann man einen Kammzug auch nur mit den Händen ziehen. Ich zeige das ziehen mit Hilfe eines Diz, der das ganze einfach noch etwas gleichmäßiger und einfacher macht. Ein Diz ist einfach eine kleine Scheibe mit einem oder meheren Löschern, man kann diese auch leicht selber machen. Ich bevorzuge Löcher, die etwa 3-5mm Durchmesser haben, weil ich gerne feine dünne Kammzüge mag.

Zum Kämmen decke ich die Nadeln des Kammes, wenn möglich, ab und verteile die Fasern locker auf ganze Länge der Nadeln. So lassen sie sich leichter ausziehen.

Mit einer Häkelnadel fädele ich die ersten Fasern durch den Diz.

Ich greife die Fasern direkt vor dem Diz und ziehe ein Stück aus, höchstens die Hälfte der Faserlänge.

Dann schiebe ich den Diz genauso weit in die Fasern zurück, greife die Fasern wieder direkt davor und ziehe wieder aus.

Zwischendurch kann es Sinn machen die Richtung ein wenig zu ändern und nach links, rechts, oben oder unten zu ziehen, um alle Fasern gleichmäßig in das Band zu legen. Der Diz wird dann aber immer gerade Richtung Kammnadeln zurück geschoben.

Wenn das Band sehr dünn wird und nur noch kurze Fasern auf dem Kamm liegen, kann man einmal weiter ziehen, um das Band abzutrennen.

Um das Wurzelende zu markieren mache ich einen kleinen Knoten in den Kammzug und wickle ihn zu einem Knäuel.

Bonustipp:
Möchte man besonders glatt spinnen, macht es Sinn von dem markierten Wurzelende aus zu Spinnen. Die dachziegelartigen Schuppen der einzelnen Haare zeigen dann Richtung Faservorrat und können sic h beim Spinnen nicht verhaken.

Kämmling (14:20)

Die auf den Kämmen zurück gebliebenen Fasern nennt man Kämmling. Je nach dem wie sauber der Kämmling ist, kann man dieses durchaus noch kardieren und zu einem luftigeren, texturierten Garn verspinnen.

Man hat beim Kämmen immer Ausschuss in Form des Kämmlings, das sollte man auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, wenn man sich für eine Aufbereitungsart entscheidet.
Da ich die Spitzen und die Wurzeln vorher aufgebürstet habe, sind diese knotigen und schmutzigen Teile nicht in dem Kämmling auf den Kämmen. Daher werden die Reste in diesem Fall wahrscheinlich immer noch ein sehr schönes Garn ergeben und ich kann so viel verwenden wie möglich.

Weiterführende Links

Hier einige Beiträge mit Videos, die euch vielleicht gefallen oder euch weiterbringen, wenn ihr euch für das Kämmen interessiert:

Händlerliste

Hier einige Shops, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Wollkämme anbieten:

(Die Kämme, die ich für das Video und die Anleitung verwendet habe, sind selbstgebaut mit Hilfe einer Freundin und ihres Mannes, die eine CNC-Fräse haben)



  1. Steffi Duchac

    Hallo liebe Chanti,

    zu allererst ein riesiges Dankeschön für Deine tollen und hilfreichen Videos. Mach bitte weiter so.

    So, nun zu meiner Frage: Demnächst möchte ich gern einmal selber verschiedene Fasern miteinander mischen. Gern würde ich es mit ?Maulbeerseide? (wenn ich es richtig in Erinnerung habe, Du hattest in einem älteren Video Wollproben ausgepackt, ich glaube das Paket war von Wollknoll) versuchen.
    Gibt es da eine Faustregel wie hoch die Anteile der verschiedenen Fasern sein müssen? Handkarden will ich benutzen. Oder reiße ich mir die Seide wohlmöglich beim kardieren kaputt. Habe leider noch nie mit Maulbeerseide gearbeitet.

    Liebe Grüße,

    Steffi

    • Liebe Steffi, toll, dass du vorhast unterschiedliche Fasern zu mischen. Das macht großen Spaß. Es gibt keine Faustregel zur Menge, bzw. zu den Anteilen der verschiedenen Fasern. Es kommt darauf an, welche Ergebnisse du erzielen möchtest und deiner Kreativität und Neugierde sind keine Grenzen gesetzt. Eine Wollmischung mit Seide zum Beispiel erhält um so mehr Glanz, desto höher der Seidenanteil ist. Wenn du unterschiedliche Wollsorten vermischst, kannst du dir überlegen welche Qualitäten du hervorheben möchtest. Eine gröbere Faser kannst du aufwerten, indem du etwas feinere Fasern hinzu gibst. Du kannst aber auch eine feine Faser mit nur etwas gröberen für mehr Haltbarkeit mischen.
      Seide kannst du vorsichtig kardieren, vor allem wenn du sie mit Wolle mischst, das ist kein Problem. Sie alleine zu kardieren wird schwierig. Ich hoffe das hilft dir weiter.

  2. Petra Sachse

    Hallo Chanti, ersetzen die Kämme evtl. das Kardieren? Habe noch Handkarden, aber damit ist es unheimlich anstrengend uns schwer. Kardiermaschine ist mir etwas zu teuer. Spinne gerade Alpakawolle und mache nach dem verzwirnen mein erstes Entspannungsbad. Bin ja mal gespannt. Die Kämme sind supertoll und wenn dadurch das Kardieren wegfällt, dann werde ich sie mir wohl bestellen. Bitte um schnelle Antwort, lach, wenn Dein Terminplan dies zulässt. Ansonsten sind Deine Videos, wie immer, superinteressant und informativ für mich. Ganz liebe Grüße aus dem Spreewald Petra

    • Lieber Petra, kämmen und kardieren sind zwei unterschiedliche Verarbeitungsarten. Beim Kämmen werden kürzere Fasern aussortiert und die Fasern parallel zueinander angeordnet. Ausgezogen entsteht daraus ein Kammzug. Beim Kardieren hingegen werden alle Fasern durcheinander gemischt und liegen in unterschiedlichen Richtungen. Die Rolags oder Batts die daraus entstehen, sind etwas luftiger und lockerer und so wird auch das daraus gesponnene Garn.

      • Petra Sachse

        Liebe Chanti, lieben Dank für Deine ausführlichere Antwort. Wieder was gelernt. Habe zwischenzeitlich mit Frau Gollor telefoniert und mir die Kämme bestellt. Die zweireihigen. Sind für Alpakawolle super geeignet. Komme mit meinen Handkarden nicht so klar, muss ich warten, bis ich mir mal so ein Gerät kaufen kann. Aber Dein Video hat mir super gefallen (so wie alle anderen). Dank Deiner Videos kann ich jetzt einen ganz tollen Faden aus dem Kammzug spinnen. Vielen Dank. Liebe Grüße, Petra

  3. Monika Rockenbach-Freitag

    Hallo liebe Chanti,
    Ihre/Deine Videos sind immer sehr informativ und das ganze Erklären sehr sympathisch gestaltet. Vielen Dank dafür. Sie machen Lust auf dieses wundervolle Handwerk.
    (Persönlich habe ich leider noch viel zu wenig Zeit um meine Ideen in Sachen Spinnen und Weben „auszuleben“. )
    Mit begeisterten Grüßen
    Monika R.-Freitag

  4. Karin Parker

    Liebe Chanti,
    meine Enkellinen haben 600g Alpakaflies geschenkt bekommen. Daraufhin haben wir alle deine tollen Videos geguckt. Voller Elan eine Handspindel gebaut, Flies gewaschen, mit viel Ausdauer etwas Flies gekämmt (Katzenkamm)und juhu gesponnen. Jetzt mein Problem: Das war im Sommer. Jetzt in den Ferien wollten wir weitermachen. Kadiekämme teuer, gebrauchte habe ich nicht gefunden. Dann zum Kadieren einschicken. Vorlaufszeit 9 Monate. Mein Laienverstand hatte sich das etwas einfacher vorgestellt. Hättest du vielleicht eine Idee uns weiterzuhelfen?
    Über eine Nachricht von dir würde ich mich sehr freuen.
    Liebe Grüße
    Karin Parker Tel. 0203-990575

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